5. Evaluation des Projektes
5.2 Weiterführende Perspektiven
Von Hans Hirschi
Stufen der Auseinandersetzung mit andern Religionen und Weltanschauungen
Der Prozess der Auseinandersetzung mit Religionen und Weltanschauungen bis hin zum Dialog lässt sich als vierstufigen Prozess beschreiben.
Stufe 1: Vorstellungen vom Andern ohne Direkterfahrungen
Kenntnisse über den Andern stammen vom Hörensagen, werden aus den Medien bezogen. Die Vorstellungen sind stereotyp. Vorurteile, Idealisierungen oder Verketzerungen kommen häufig vor.
Stufe 2: Der Andere als Studienobjekt
Der Andere repräsentiert eine Welt sui generis, die als unzugänglich, fremd oder auch als faszinierend erlebt werden kann. Es besteht ein Interesse, die fremde Lebensform und Vorstellungswelt kennenzulernen. Das Wissen über den Andern nimmt zu und differenziert sich. Die Begegnung mit der fremden Kultur erzeugt (noch) keine Rückwirkungen auf die eigene Lebensform und weltanschaulichreligiöse Vorstellungswelt. Toleranz wird im Sinne eines friedlichschiedlichen Nebeneinanders gelebt.
Stufe 3: Der Andere als Herausforderung für mich
Die Auseinandersetzung mit fremden Lebensformen und Vorstellungswelten vollzieht sich nicht bloss auf eine objektivierende Weise, sondern führt zu Verunsicherung und Hinterfragung eigener Denk- und Handlungsweisen. Der Fokus verschiebt sich vom Andern zurück auf sich selber. Totalitäre religiöse Gruppierungen nutzen diesen Effekt zur Vereinnahmung potentieller Mitglieder. Die kritische Selbstreflexion ist aber auch Bedingung für den Einstieg in einen fruchtbaren Dialog, der den Andern ernst nimmt.
Stufe 4: Gemeinsame Suche nach Wahrheit
Die vermeintliche Selbstverständlichkeit der eigenen Vorstellungswelt ist aufgebrochen. Aber auch die Vorstellungswelt des Andern wird differenziert beurteilt. Vorzüge und Schattenseiten werden erkannt. Wahrheit wird nicht als Besitz, sondern als unabschliessbarer Prozess und ständige Aufgabe verstanden. Der Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft wird als Chance auf dem Weg zur Wahrheit erfasst. Toleranz wird verstanden als unabschliessbarer Dialog und als gewaltfreie Bearbeitung von Konflikten
Evaluation des Projekts
Versucht man die von den Schülerinnen und Schülern erstellten Arbeiten in die vorgeschlagenen Stufenordnung des interreligiösen Dialogs einzuordnen, lässt sich Folgendes feststellen:
Zu Beginn der Arbeiten hatten die meisten Schülerinnen und Schüler nur rudimentäre Kenntnisse über die bearbeitete religiöse Gemeinschaft. Ihre Vorkenntnisse stammen offensichtlich grösstenteils aus den Medien. Stereotype Vorstellungen spielen eine grosse Rolle. Dies ist besonders an den Interview-Fragen ablesbar. In der Direktbegegnung mit Vertreterinnen und Vertretern der entsprechenden religiösen Gemeinschaft werden Vorurteile abgebaut, und die Kenntnisse über die religiösen Vorstellungen und die Lebensform der Dialogpartner wachsen. Hie und da schimmert auch Faszination und Bewunderung der fremden religiösen Praxis durch. Erst ansatzhaft erkennbar sind jedoch Reflexionen über die eigene religiösweltanschauliche Vorstellungswelt, die durch die Begegnung mit Angehörigen anderer Religionen angeregt worden wären. Die fremde Religion bleibt vornehmlich interessantes Studienobjekt. Sie wird kaum als Chance zur Wahrheitsfindung gesehen. In diesem Sinne bewegen sich die Arbeiten auf der Stufe 2 des interreligiösen Dialogs.
Dies ist zweifellos bereits ein schönes Ergebnis und darf in seiner Wirkung in Hinblick auf eine Verständigung zwischen den Kulturen nicht unterschätzt werden. Immerhin sind viele Vorurteile abgebaut worden und haben einem wirklichkeitsnäheren Bild der fremden Religion Platz gemacht. Nicht zu unterschätzen ist auch die emotionale Komponente, die nur in der direkten Begegnung mit Menschen aus andern Kulturen erlebt werden kann. Die Faszination in bezug auf die menschliche Wärme, welche die Schülerinnen und Schüler bei ihren Begegnungen mit Vertretern der von ihnen besuchten religiösen Gemeinschaften erfahren haben, ist in mehreren Dokumenten unüberhörbar.
Vom Kennenlernen zum Dialog
Es stellt sich die Frage, wie der Lernprozess noch über die Stufe 2 hinaus vorangetrieben werden könnte. Von entscheidender Bedeutung wäre, dass die Phase der Reflexion, die derjenigen der Begegnung mit Vertreterinnen und Vertretern anderer Religionen und deren Dokumentation folgte, noch weiter ausgebaut werden könnte. Diese Reflexion muss sowohl die fremde als auch die eigene Religion betreffen. Die Rolle der Lehrperson verändert sich in dieser Phase gegenüber den vorausgehenden. In den ersten Phasen wirkt die Lehrperson mehr im Hintergrund. Sie formuliert die Aufgabenstellung, vermittelt Basiswissen, eröffnet den Zugang zu weiterführendem Informationsmaterial und gibt Hinweise auf Kontakte, die geknüpft werden könnten. Sie bietet technische Hilfen an und überwacht den Arbeitsprozess terminlich und konzeptionell.
In der Phase der Reflexion tritt sie stärker in Erscheinung. Ihre Aufgabe wird in erster Linie darin bestehen, Fragen zu stellen, die zum eigenen Nachdenken anregen sollen. Wichtig ist dabei jedoch, dass der Ausgangspunkt die von den Schülerinnen und Schüler gesammelten Materialien und ihre (auch emotionalen) Erlebnisse bleiben. Das will heissen, dass auf die Schülerarbeiten auf gar keinen Fall einfach religionswissenschaftliche Informationen aufgepfropft werden dürfen. Dies würde die Entdeckungen der Schülerinnen und Schüler entwerten und vermutlich ihr Interesse an der Sache vermindern. Basismaterial für die weiterführende Reflexion bleibt also das von den Schülerinnen und Schülern Zusammengetragene. Aufgrund ihres weiter entwickelten Reflexionsstandes ist es jedoch Aufgabe der Lehrperson, die Schülerinnen und Schüler anzuregen, das gesammelte Material und die gewonnenen Eindrücke weiterzubearbeiten und zu beurteilen. Die Lehrperson repräsentiert dabei gewissermassen den in der wissenschaftlichen Gemeinschaft erreichten Diskussionsstand, den sie dem Alter und dem Reifegrad der Schülerinnen und Schüler entsprechend einbringen sollte. So entwickelt sich idealerweise eine weitere Form des Dialogs: Nach dem Dialog mit Vertreterinnen und Vertretern von verschiedenen Religionen ?im Feld? folgt der Dialog mit dem Vertreter oder der Vertreterin der Wissenschaft in der Schule.
Spielt in der Begegnung mit Vertreterinnen und Vertretern von religiösweltanschaulichen Gruppierungen das ganzheitliche Erlebnis und die Gewinnung von Faktenwissen eine zentrale Rolle, so tritt im Dialog mit der Lehrperson stärker die intellektuelle Reflexion und Selbstreflexion in den Vordergrund. Ansätze dazu sind erkennbar in den dokumentierten Gesprächen mit Fachleuten einiger Gruppen von Schülerinnen und Schüler. Freilich werden auch in diesen Arbeiten die Fachleute primär als Informationsquelle für Faktenwissen genutzt. Im Reflexions- bzw. Selbstreflexionsprozess, der durch die religionspädagogischen Bemühungen angestrebt wird, aktualisiert sich bei den Lernenden allmählich ein in einer aufgeklärten, liberalen Gesellschaft erreichter Erfahrungsschatz im Umgang mit Religionen und Weltanschauungen. Wesentlich dazu gehören ethische Normen, die sich als überkulturell gültig erweisen und die friedliche Koexistenz verschiedener Bekenntnisse erst ermöglichen. Im Sinne Kants bilden sie den Rahmen, innerhalb dessen sich eine fruchtbare religiöse Praxis entfalten kann.
Die Konstruktion intellektuell anspruchsvoller ethischer und religiöser Denkformen im Rahmen eines Entwicklungsprozesses haben L. Kohlberg und F. Oser beschrieben. Sie haben gezeigt, dass dieser Entwicklungsprozess stimuliert werden kann, einerseits durch eine gezielte Konfrontation mit immer komplexeren Argumentationsformen, andererseits durch reflektierte Interaktionen.
Dementsprechend lässt sich auch die Weiterführung der religionspädagogischen Bemühungen ausgehend von der in den dokumentierten Schülerarbeiten skizzieren. Einerseits hat eine Stimulierung durch die Lehrperson einzusetzen, indem sie komplexere Sichtweisen, in die Diskussion einbringt, andererseits sollen Gelegenheiten genutzt oder geschaffen werden, interkulturelles Zusammenleben zu üben. Letzteres lässt sich im schulischen Rahmen etwa so realisieren, dass Konflikte, welche aus dem Zusammenleben von Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher kultureller Herkunft entstehen, thematisiert werden. So sollen beispielsweise Schülerinnen und Schüler einer Artikulationsmöglichkeit erhalten, die sich aufgrund wegen ihrer Religion oder Kultur diskriminiert fühlen. Oder Mädchen und junge Frauen sollen ihr Missfallen über machistisches Gehabe oder gar Belästigungen durch junge Männer, die aus Kulturen stammen, in denen solches eher akzeptiert wird, ausdrücken können. Fremde religiös geprägte Lebensformen sollen aber auch gezielt darauf hin befragt werden, was sie zur Erhellung der eigenen Existenz und zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen könnten. Bei alledem wird sich herausstellen, dass Toleranz alles andere als die Akzeptanz des ?anything goes? bedeutet. Sie ist vielmehr das Resultat eines langwierigen, manchmal schmerzlichen Bildungsprozesses.
In einem aufklärerischliberalen Sinne - und ich glaube, man braucht sich dieser Voraussetzung nicht zu schämen - werden religionspädagogische Bemühungen, dann als erfolgreich gewertet werden können, wenn sie die Selbstbestimmung des Einzelnen aufgrund von Wissen und die Anerkennung des andern aufgrund von universalen ethischen Normen fördern, wenn sie die Offenheit Neuem gegenüber und die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Selbstkritik unterstützen und wenn sie schliesslich die Unabschliessbarkeit dieses Lernprozesses bewusst gemacht haben.