Projekt Weltethos

  1. Einleitung: «Projekt Weltethos» als Herausforderung für den Unterricht
  2. Situierung des Projektes im Rahmen des Luzerner Modells des Religionsunterrichts an Gymnasien
  3. Konzept und Zielsetzungen des «Projektes Weltethos»
  4. Projektverlauf: Einführung - Informationsphase - Projektphase - Auswertungs-phase
  5. Evaluation des Projektes
    5.1 Evaluation der Schüler/innen
    5.2 Weiterführende Perspektiven aus religionspädagogischer Sicht
  6. Anhang: Hinweise auf Literatur und Hilfsmittel

3. Konzept und Zielsetzungen

3.1 Vorgeschichte und Projektidee

Im Lehrplan des Faches «Religionskunde und Ethik» 2 der Kantonsschule Luzern bildet die Auseinandersetzung mit den nichtchristlichen Religionen den Schwerpunkt des Stoffes der 5. Klasse, während in der 6. Klasse die Grundlagen der Ethik und Problemstellungen der angewandten Ethik im Zentrum stehen. Im üblichen Unterrichtsverlauf werden dabei hauptsächlich Grundkenntnisse über die einzelnen Weltreligionen sowie ethische Argumentationsmodelle zu wichtigen Gegenwartsfragen vermittelt.

Der Anstoss durch das «Projekt Weltethos» führte zur Ausarbeitung eines neuen Unterrichtsversuchs, bei dem ich an bereits gesammelten Erfahrungen in der Herstellung von kurzen Dokumentarfilmen im Rahmen des Ethik-Unterrichtes anknüpfen konnte: Was anfänglich als «waghalsiges Experiment» konzipiert worden war, erwies sich schon bald als taugliches Mittel, um Schülerinnen und Schüler in einen intensiven Lernprozess hineinzuführen. Insbesondere hatte der projektorientierte Unterricht zahlreiche Vorteile gegenüber dem konventionellen Schulunterricht, bei dem der eigentlichen Wissensvermittlung erste Priorität eingeräumt wird. Beim vorliegenden Projekt sollte nun der Akzent stärker in Richtung der persönlichen Erfahrung und des ganzheitlichen Lernens verschoben werden.

3.2 Die wichtigsten Grundsätze des Projektes

Um einen nachhaltigen Lernprozess zu erreichen, der über die rein wissensmässige Auseinandersetzung mit den Anliegen des «Projektes Weltethos» hinaus gehen sollte, wurden mit dem Schulversuch folgende methodischen und religionspädagogischen Zielsetzungen angestrebt:

3.2.1 Methodische Ziele:

a) Theorie und Praxis verbinden

Es war klar, dass für die Auseinandersetzung mit fremden Religionen minimale Kenntnisse über die Grundzüge von Lehre und Glaubenspraxis der einzelnen Religionen unverzichtbar sind (vgl. Informationsphase des Projektes). Andererseits sollte dem konkreten Praxisbezug durch das Filmprojekt erste Priorität eingeräumt werden, um die gelernte Theorie auf der Erfahrungsebene zu überprüfen.

b) Arbeit in überschaubaren Gruppen

Als grundlegendes Prinzip des projektorientierten Unterrichts sollte das selbständige Arbeiten in überschaubaren Gruppen (jeweils maximal fünf Schüler/innen) im Vordergrund stehen. Diese Arbeitsweise erfordert eine intensive Betreuung der einzelnen Gruppen: Wichtige Voraussetzung ist, dass in regelmässigen Abständen eine Zwischenevaluation über den Stand der Arbeit erfolgt, bei der auch allfällige Probleme und Wünsche der Gruppe artikuliert werden.

c) Partizipation im Entscheidungsprozess

Ziel des Audio- und Videoprojektes war es, dass die einzelnen Schüler/innen auch an Entscheidungsprozessen partizipieren können: Neben der Einteilung der Gruppen sollte dieses Prinzip so weit wie möglich auch bei der Themenwahl und dem Entscheid für die Arbeitsweise zum Tragen kommen. So wurde auch das Video-Projekt in der 5. Klasse nur unter der Voraussetzung durchgeführt, dass die Mehrheit der Klasse dieser Form des projektorientierten Unterrichts zustimmt. In den einzelnen Arbeitsschritten hatten die Gruppen häufig Alternativ-Varianten, unter denen sie auswählen konnten (einzelne Gruppen entschieden sich beispielsweise für die Herstellung einer Tonbildschau anstelle einer Videoproduktion). Zudem war es möglich, innerhalb der Gruppe verschiedene Funktionen entsprechend der Fähigkeiten der Gruppenmitglieder aufzuteilen (Verantwortliche für Koordination/Regie, Kameraführung, Filmschnitt, Ton/Bild, Dokumentation etc.).

d) Schüler/innen als Multiplikatoren

Das von der Schule vorgegebene zeitliche Korsett (für das Projekt stand lediglich eine Wochenstunde zur Verfügung) verlangte von Anfang an eine konsequente Arbeitsteilung, um der Klasse trotz Abstrichen bei der theoretischen Stoffvermittlung immerhin einen guten Gesamtüberblick über die verschiedenen Religionen zu vermitteln: Durch die Spezialisierung auf eine einzelne Religionsgemeinschaft sollten die einzelnen Gruppen gleichsam als «Experten» in ihrem Thema eine Art Multiplikatorenfunktion innerhalb der Klasse übernehmen: Diese Funktion sollte insbesondere durch Vorträge (am Schluss der Informationsphase) und durch die Präsentation und Diskussion ihrer Ergebnisse im Plenum der Klasse zum Tragen kommen. Dadurch sollte erreicht werden, dass alle Schüler/innen minimale Grundkenntnisse über die vier Religionen erwerben und zugleich eine einzelne Religion vertieft kennenlernen konnten.

e) Ansätze zur Interdisziplinarität

Im Rahmen der Möglichkeiten sollten beim geplanten Projekt auch Ansätze zum fächerübergreifenden Unterricht zum Tragen kommen. Ziel war es, insbesondere im Bereich des Bildnerischen Gestaltens und der Medienpädagogik zusätzliche Lehrpersonen im Umfang einzelner Lektionen (Bildgestaltung, Kameraführung, Filmschnitt) einzubeziehen.

 

3.2.2 Religionspädagogische Ziele:

a) Multireligiosität im eigenen Lebenskontext wahrnehmen

Zentrales Anliegen des Unterrichtsprojektes war es, die eigene Wahrnehmung für die multikulturelle und multireligiöse Situation im unmittelbaren Lebenskontext zu schärfen: Der Situation im eigenen Quartier, in der eigenen Region sollte primär unsere Aufmerksamkeit gelten und nicht etwa den Muslimen im Iran oder den Juden in Israel etc.

b) Ansätze zum interreligiösen Gespräch in der Schule

Mit dem Unterrichtsprojekt sollte nicht zuletzt auch das Ziel verfolgt werden, Ansätze zum interreligiösen Gespräch an der eigenen Schule zu verwirklichen, wo die Zahl der Angehörigen anderer Religionen in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Oft sind sich die Schülerinnen und Schüler gar nicht bewusst, dass sich in ihrer eigenen Klasse Kolleginnen und Kollegen befinden, deren Familien einen anderen Glauben praktizieren. Durch das Audio- und Videoprojekt sollte ein Anreiz geschaffen werden, die (bisweilen auch tabuisierte) multireligiöse Situation an der eigenen Schule und die damit verbundene Frage der Toleranz offen zu thematisieren.

c) Lernen durch Begegnung

Durch das Audio- und Videoprojekt sollte ein Beitrag dazu geleistet werden, dass fremde Religionen differenzierter wahrgenommen werden können. In Begegnungen mit konkreten Menschen wird deutlich, dass jede Religion so viele Gesichter hat, wie es Menschen gibt. Das Projekt sollte darauf abzielen, das Handeln aller Beteiligten zu prägen und auf Begegnung hin zu öffnen. Die Luzerner Religionspädagogin Helga Kohler-Spiegel hat dieses Anliegen in ihrer Abschiedsvorlesung über religiöse Erziehung in multikultureller Gesellschaft am Katechetischen Institut in Luzern mit folgenden Worten auf den Punkt gebracht: «Wir müssen so zu reden lernen, dass diejenigen, die wir als 'die anderen' bezeichnen, bei unserem Reden dabei sein können, dass wir 'in deren Angesicht' reden... Deshalb ist die Frage vorrangig, wie sich die Menschen einer jeweiligen Religion selbst sehen: Wie sieht sich der/die andere selbst, was sagt er/sie von sich, wie versteht er/sie die eigene Tradition und die Zukunft, wo sind die eigenen Quellen, wo die Brüche und Widersprüche.» 3

d) Jugendliche als Vermittler im interreligiösen Dialog

Das vorliegende Projekt zielte auch darauf ab, nach Möglichkeit Jugendliche im Alter der beteiligten Schülerinnen und Schüler als Vermittler im interreligiösen Dialog einzubeziehen. Dass gerade solche Begegnungen besondere Chancen und Qualitäten für einen fruchtbaren Dialog bieten, bestätigte unter anderem der Luzerner Religionsethnologe Christian J. Jäggi, der ebenfalls als Gesprächspartner im Projekt mitwirkte: «In diesen Menschen, die in beiden Welten zu Hause sind, gleichsam kritisch und aufgeschlossen, liegt ein leider oft unbeachtetes Potential. Dabei gibt es keine besseren Vermittler zwischen beiden Kulturen.» 4

 

3.3 Die Aufgabenstellung

Da für die Schülerinnen und Schüler der 5. und der 6. Klasse auf Grund des Lehrplans unterschiedliche Voraussetzungen bezüglich ihres Wissensstandes über die Weltreligionen gelten, wurde beim geplanten «Projekt Weltethos» eine unterschiedliche Aufgabenstellung vorgegeben.

5. Klasse: Videoprojekt / Tonbildschau

In der 5. Klasse galt es, die Gründzüge einer der vier nichtchristlichen Weltreligionen kennenzulernen. In vier Gruppen mit durchschnittlich fünf Schülerinnen und Schülern sollte ein Dokumentarfilm (Dauer: ca. 10 - 15 Minuten) gedreht werden, der Einblick in die Lebenswelt der entsprechenden Religionsgemeinschaft vermittelt.

Wahlmöglichkeiten / Varianten:
  • Die einzelnen Gruppen entschieden sich für eine der grossen nichtchristlichen Religionen: Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Islam.
  • Anstelle eines Videofilms konnten sich die einzelnen Gruppen auch für eine Tonbildschau entscheiden.
  • Neben der Begegnung mit einem Vertreter / einer Vertreterin der jeweiligen Religionsgemeinschaft konnten sich die einzelnen Gruppen auch für ein Gespräch mit einer Person entscheiden, die sich als Religionswissenschafter/in intensiv mit der entsprechenden Religion auseinandergesetzt hat.

 

6. Klasse: Audio-Projekt / Interviews

Anders als bei der 5. Klasse standen hier nicht die Grundlagen einzelner Religionen im Vordergrund: Vielmehr galt es hier, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ethischen Fragen zwischen zwei oder drei Religionen zu vergleichen.

Auch hier wurde in kleinen Gruppen mit durchschnittlich vier bis fünf Schülerinnen und Schülern gearbeitet, die sich innerhalb der vier unverrückbaren Weisungen der «Erklärung zum Weltethos» für einen konkreten Problemkreis zu entscheiden hatten.
Aufgabe der einzelnen Gruppen war es, Interviews mit Vertretern verschiedener Religionsgemeinschaften oder entsprechenden Fachleuten (Religionswissenschafter, Ethnologen etc.) durchzuführen und diese anschliessend schriftlich auszuwerten.
Wahlmöglichkeiten:

Folgende Themen standen zur Auswahl, wobei die Schüler/innen auch eigene Themenvorschläge einbringen konnten:

  • 1. Weisung: Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und Ehrfurcht vor allem Leben. Mögliche Problemkreise: Krieg / Frieden; Gewalt / Gewaltlosigkeit; Todesstrafe; Tod / Euthanasie; Lebenswenden; Tier- und Umweltethik.
  • 2. Weisung: Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung.
    Mögliche Problemkreise: Armut / Besitz; Gerechtigkeit; Wirtschaftsethik; Politisches Verhalten.
  • 3. Weisung: Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit.
    Mögliche Problemkreise: Wahrheit / Wahrheitsfanatismus; Fremde / Fremde Religionen; Medien; Politik.
  • 4. Weisung: Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau.
    Mögliche Problemkreise: Frau / Mann; Sexualität; Familienplanung; Ehe / Familie.

 


2 Die detaillierten Angaben zum Lehrplan im Fach «Religionskunde & Ethik» können der Dokumentation 1 entnommen werden

3 vgl. Helga Kohler-Spiegel, «Wenn ich könnte, gäbe ich jedem Kind einen Leuchtglobus...» – Religiöse Erziehung in multikultureller Gesellschaft, Abschiedsvorlesung vom 9. Mai 1999 (Wortlaut der Vorlesung kann in der separaten Dokumentation nachgelesen werden).

4 vgl. Iwona Meyer, In zwei verschiedenen Welten zu Hause – Muslime in der Schweiz: Junge muslimische Frauen geraten in der Diaspora oft in einen Überanpassungsdruck, in: Neue Luzerner Zeitung, 23.4.99.