2. Situierung des Projektes im Rahmen des Luzerner Modells des Religionsunterrichts an Gymnasien
Von Hans Hirschi
Das von Benno Bühlmann durchgeführte Projekt ist situiert im Rahmen des neuen Konzepts des Kantons Luzern für den Religionsunterricht an Gymnasien.
Im Kanton Luzern wurde seit 1991 für den Religions- und Ethikunterricht an Gymnasium ein Konzept entwickelt und seit 1995 praktisch erprobt, das versucht, der komplexen Realität dieses Bildungsbereichs unter den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen gerecht zu werden.
Das "Luzerner Modell" präsentiert sich folgendermassen:
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| 5 | Religionskunde und Ethik | ||
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| 2 | Katholische Religionslehre |
Evangelisch reformierte Religionslehre |
Ethik |
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Untergymnasium (1.-2. Klasse; Alter 13-15 Jahre):
Katholische Religionslehre oder Reformierte Religionslehre oder Ethik
Die Fächer werden auf beiden Jahrgangsstufen erteilt, in der ersten Klasse in zwei Wochenstunden in der zweiten in einer. Wer nicht einen der beiden angebotenen konfessionsbezogenen Kurse besucht, belegt das Fach Ethik. Alle drei Fächer sind Promotionsfächer, sind also zeugnisrelevant wie andere Schulfächer.
Obergymnasium (3.-6. bzw. 4.-7. Klasse; Alter 15-20 Jahre)
Religionskunde und Ethik
Das Fach wird je nach Ausbildungstypus in unterschiedlicher Stundentotation unterrichtet. Es wird auf mindestens zwei Jahrgangsstufen in insgesamt 3-4 Jahreswochenstunden erteilt. Das Fach Religionskunde und Ethik ist obligatorisch für alle Schülerinnen und Schüler, unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit. Es ist Promotionsfach.
Das Luzerner Modell - eine Antwort auf die Auswirkungen einer veränderten Gesellschaft auf den ethischreligiösen Bereich
Die Bildungsbedürfnisse im religiösethischen Bereich haben sich in den letzten Jahren drastisch verändert. Erstens hat die religiöskirchliche Praxis insbesondere bei Jugendlichen stark abgenommen und damit auch ihr religiöses Wissen. Selbst bei Schülerinnen und Schülern, die formell einer der christlichen Konfessionen angehören, können heute beim Eintritt ins Gymnasium nur noch rudimentäre religiöse Kenntnisse vorausgesetzt werden. Zweitens leben wir heute in einer multikulturellen Gesellschaft. Menschen unterschiedlichster Kulturen, Religionen und Weltanschauungen haben täglich Umgang miteinander, direkt oder medial vermittelt. Drittens entsteht durch die rapide Veränderung der Gesellschaft durch die technologische Entwicklung (Informatik, Gentechnologie), politische Umwälzungen (Zusammenbruch des Ostblocks), wirtschaftliche Entwicklungen (Globalisierung) ein erhöhter Bedarf an Orientierung.
An den Gymnasien des Kantons Luzern haben die Religionslehrerinnen und -lehrer bereits vor 8 Jahren damit begonnen, ein neues Konzept des Religionsunterrichts zu entwickeln und praktisch umzusetzen, das den neuen gesellschaftlichen Herausforderungen entspricht.
Grundlegend ist dabei die Einsicht, dass religiösethische Bildung in einer säkularen und pluralistischen Gesellschaft nicht obsolet geworden ist, sondern dass im Kontext einer liberalen Gesellschaft, mit ihren hohen Ansprüchen an die Selbstbestimmung des Individuums die religiösethische Bildung sogar an Bedeutung gewonnen hat. Freilich hat sich ihr Profil verändert.
An einer staatlichen Schule ist ein katechetisch orientierter obligatorischer Religionsunterricht nicht mehr möglich. Ein bestimmtes religiöses Bekenntnis kann auf Seiten der Schülerinnen und Schüler weder vorausgesetzt noch angestrebt werden.
Hingegen sind fundierte Informationen über religiöse und ethische Phänomene, wie sie in unserer Gesellschaft beobachtet werden können, im Hinblick auf eine ganzheitliche gymnasiale Bildung unverzichtbar.
Ziele des Faches «Religionskunde und Ethik»
Das Fach Religionskunde und Ethik verfolgt gewissermassen ein doppeltes Ziel. Zum einen geht es um die Konstituierung und Förderung eines weltanschaulichreligiös mündigen Subjekts, zum andern um die Befähigung zum Dialog mit Andersgläubigen und Andersdenkenden. Die beiden Ziele sind ineinander verschränkt, da die Subjektkonstitution immer in der Begegnung mit andern erfolgt und Begegnung immer schon Subjekte voraussetzt. In einer geschlossenen, religiös geprägten Gesellschaft erfolgt religiöse Bildung hauptsächlich in der Form der Weitergabe althergebrachter religiösethischer Vorstellungen durch Lehre und religiöse Praxis. Die Religion erscheint als mehr oder weniger selbstverständlicher Bestandteil der Gesellschaft. Die religionspädagogischen Bemühungen richten sich in erster Linie darauf, die Schülerinnen und Schüler in eine traditional vorgegebene religiöse Kultur einzuführen.
Anders verhält es sich in einer pluralistischen Gesellschaft, die geprägt ist durch eine Abnahme der Bedeutung traditioneller religiöser Institutionen. Einerseits fehlt hier ein in der Gesellschaft verankerter Kanon religiöser Vorstellungen, der mit einer gewissen Selbstverständlichkeit an neue Generationen weitergegeben werden könnte, andererseits gewinnt die Fähigkeit, mit Andersgläubigen und Andersdenkenden friedlich zusammenleben zu können, an Bedeutung. Oft wird befürchtet, die pluralistische, multikulturelle Gesellschaft erschwere religiöse Bildung. Ich glaube nicht, dass das stimmt. Vielmehr bietet sie faszinierende religionspädagogische Chancen. Man muss sie nur nutzen. Denn die Notwendigkeit der Selbstbestimmung in einem multikulturellen Umfeld setzt eine persönliche Auseinandersetzung mit religiösen und ethischen Vorstellungen voraus. Dies ist in einer geschlossenen, kulturell mehr oder weniger homogenen Gesellschaft nicht zwingend der Fall. Die Sozialkontrolle kann auch eine bloss äusserliche Rezeption religiösweltanschaulicher Vorstellungen bewirken, was zu hohlen Formen religiöser Praxis führen kann, weil sie gar nicht mehr verstanden werden. Die Defizite in bezug auf die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit fallen dabei kaum auf, weil die soziale Integration und der Schein religiösweltanschaulicher Verwurzelung gewahrt bleiben.
Gewiss besteht in einer pluralistischen Gesellschaft auch die Gefahr der Indifferenz religiösweltanschaulichen Fragen gegenüber oder der unreflektierten Übernahme religiösweltanschaulicher Trends. Nachdenkliche Menschen werden sich jedoch in einen Prozess der Auseinandersetzung mit den gegewärtigen weltanschaulichreligiösen Strömungen einlassen, werden vergleichen, werden in einen Dialog mit unterschiedlichen Positionen eintreten. Diese Chance muss die Religionspädagogik packen.