1. Einleitung zum «Projekt Weltethos»
Einüben der Toleranz in einer multireligiösen Gesellschaft
Die multikulturelle und multireligiöse Gesellschaft ist
auch in der Schweiz längst Realität geworden. Der Islam beispielsweise bildet mit seinen
rund 200'000 Mitgliedern die drittgrösste Religionsgemeinschaft in der Schweiz. Und auch
der Buddhismus findet hierzulande eine wachsende Zahl von Anhängern, was in den
vergangenen Jahren unter anderem in der Entstehung zahlreicher neuer buddhistischer
Zentren (insbesondere westlicher Ausprägung!) zum Ausdruck kam. Nicht zuletzt ist heute
die multireligiöse Situation aber auch an der Schule
zunehmend erfahrbar, denn immer häufiger treffen wir auch hier auf Jugendliche, die einer
anderen Glaubensgemeinschaft angehören. An der Kantonsschule Luzern beispielsweise sind
es gegenwärtig gegen zwei Dutzend Jugendliche, die sich zum Glauben des Islam, des
Buddhismus oder des Judentums bekennen. Vor diesem Hintergrund ist das Einüben von
Respekt und Toleranz gegenüber anderen Religionen gerade in einer ganzheitlich
ausgerichteten Gymnasialbildung unabdingbar geworden.
Diesem Umstand wurde 1995 denn auch mit einer zukunftsweisenden Neukonzeption des
Religionsunterrichtes an den Luzerner Kantonsschulen Rechnung getragen 1
(vgl. nachfolgenden Beitrag von Hans Hirschi zur Situierung des Projektes). Insbesondere
die Einführung des bekenntnisneutralen Faches «Religionskunde und Ethik» an der
Oberstufe des Gymnasiums hat in den vergangenen Jahren neue Möglichkeiten geschaffen: Da
das neue Schulfach für alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrer Konfession
obligatorisch ist, bieten sich hier neue Möglichkeiten für ein interreligiöses
Gespräch auch innerhalb der Schule.
«Projekt Weltethos» als Herausforderung für den Unterricht
Dass in diesem Zusammenhang eine Auseinandersetzung mit dem
«Projekt Weltethos» eine willkommene Herausforderung für den
Unterricht an der Mittelschule darstellt, liegt auf der Hand. Die vom Theologen Hans Küng
neu ins Bewusstsein gerufene Erkenntnis, dass die Religionen der Welt bei all ihren
verschiedenen Dogmensystemen und Weltbildern in elementaren Fragen des Ethos
übereinstimmen, bildet eine ideale Ausgangslage für eine vertiefte Auseinandersetzung
und Diskussion mit Gymnasiastinnen und Gymnasiasten.
Das vorliegende Unterrichtsprojekt, das im Folgenden näher erläutert
werden soll, wurde in eben diesen Zusammenhang gestellt: Vier Klassen des Obergymnasiums
(5. und 6. Klasse) der Kantonsschule Luzern waren in diesen Versuch einbezogen, wobei in
den einzelnen Klassen unterschiedliche Arbeitsformen und Unterrichtsmethoden erprobt
wurden. Wegleitend für das Projekt war der Grundsatz, dass die theoretische
Auseinandersetzung mit dem Thema eng mit einer praxis- und erfahrungsorientierten
Arbeitsmethode verknüpft werden sollte, weil rein theoretisches Wissen ohne persönliche
Erfahrung erwiesenermassen selten zu konkreten Einstellungs- und Verhaltensänderungen
führt. Durch den Entscheid, die Auseinandersetzung mit dem Thema «Religionen und
Weltethos» in Form eines Audio- und Videoprojektes durchzuführen, waren
die Schülerinnen und Schüler gleichzeitig auf sehr unterschiedlichen Ebenen
herausgefordert: Sachkompetenz war bei der Umsetzung des Projektes ebenso gefragt wie die
Fähigkeit der selbständigen Arbeitsorganisation sowie soziale Kompetenz bei den
vielfältigen Entscheidungsprozessen innerhalb der Gruppe.
Gemessen am engen Zeitkorsett des Faches «Religionskunde und Ethik», für das lediglich
eine Wochenstunde zur Verfügung steht, war die Projektidee zweifellos ehrgeizig. Von
Anfang an war denn auch klar, dass einzelne Projektziele wohl nur ansatzweise umgesetzt
werden können. Die breit angelegte Evaluation zum Abschluss des Projektes ergab indessen,
dass ein überaus bereichernder und ganzheitlicher Lernprozess erreicht wurde, wie er im
Rahmen des konventionellen Unterrichtes nur selten möglich ist.
Der vorliegende Schlussbericht soll einen Einblick ins Konzept des
Schulversuchs geben. Nach einer grundsätzlichen Situierung des Projektes im schulischen
Kontext werden zunächst Vorgeschichte, Konzept und Zielsetzungen des
Audio-/Video-Projektes erläutert. Sodann folgt eine Umschreibung des Projektverlaufs mit
seinen verschiedenen Phasen (Einführung Informationsphase Projektphase
Auswertungsphase) und einige Überlegungen zu Evaluation und zu weiterführenden
Perspektiven dieses Schulversuchs. In zwei separaten Dokumentationen findet sich weiteres
Anschauungsmaterial zum Projekt: Neben Ergänzungen zu den religionspädagogischen und
methodischen Ausführungen des Schlussberichtes sind hier auch Projektdokumentationen
enthalten, die von den Schülerinnen und Schülern zu einzelnen Dokumentarfilmen und
Interviews zusammengestellt wurden.
An dieser Stelle möchte ich Hans Hirschi, Rektor des Obergymnasiums der Kantonsschule
Luzern, meinen besonderen Dank aussprechen: Er war es, der mich zur Durchführung des
Projektes ermutigt hat und auch bereit war, für den vorliegenden Schlussbericht als
Aussenstehender eine Situierung des Projektes vorzunehmen (vgl. Punkt 2) und
weiterführende Perspektiven zum Projekt (vgl. Punkt 5.2) zu formulieren. In der
Evaluationsphase hat er mir zudem einige hilfreiche Rückmeldungen gegeben, die sicher bei
einem weiteren Projekt dieser Art einfliessen werden.
Luzern, 14. Oktober 1999
Benno Bühlmann
1 Das «Luzerner Modell» des Religionsunterrichtes am Gymnasium wird in folgenden Publikationen näher umschrieben (vgl. Dokumentation 1):
Benno Bühlmann, Notwendige Orientierungshilfe im Dschungel religiöser Weltanschauungen Religionskundlicher Unterricht in der Mittelschule: Das Luzerner Modell, in: Religionsunterricht in der öffentlichen Schule. Bestandesaufnahmen, Orientierungen, Entscheidungsgrundlagen, hrsg. von Helga Kohler-Spiegel und Adrian Loretan (erscheint im Frühjahr 2000)
Hans Hirschi, Religionskunde und Ethik: Das Luzerner Modell, in: Schweizer Schule 2/98, 11-20.
Jürgen Lott, Wie hast du's mit der Religion? Das neue Schulfach «Lebensgestaltung Ethik Religionskunde» (LER) und die Werteerziehung in der Schule, 1998, 111-114.