Projekt Weltethos

  1. Einleitung: «Projekt Weltethos» als Herausforderung für den Unterricht
  2. Situierung des Projektes im Rahmen des Luzerner Modells des Religionsunterrichts an Gymnasien
  3. Konzept und Zielsetzungen des «Projektes Weltethos»
  4. Projektverlauf: Einführung - Informationsphase - Projektphase - Auswertungs-phase
  5. Evaluation des Projektes
    5.1 Evaluation der Schüler/innen
    5.2 Weiterführende Perspektiven aus religionspädagogischer Sicht
  6. Anhang: Hinweise auf Literatur und Hilfsmittel

1. Einleitung zum «Projekt Weltethos»

Einüben der Toleranz in einer multireligiösen Gesellschaft

Die multikulturelle und multireligiöse Gesellschaft ist auch in der Schweiz längst Realität geworden. Der Islam beispielsweise bildet mit seinen rund 200'000 Mitgliedern die drittgrösste Religionsgemeinschaft in der Schweiz. Und auch der Buddhismus findet hierzulande eine wachsende Zahl von Anhängern, was in den vergangenen Jahren unter anderem in der Entstehung zahlreicher neuer buddhistischer Zentren (insbesondere westlicher Ausprägung!) zum Ausdruck kam. Nicht zuletzt ist heute die multireligiöse Situation aber auch an der Schule zunehmend erfahrbar, denn immer häufiger treffen wir auch hier auf Jugendliche, die einer anderen Glaubensgemeinschaft angehören. An der Kantonsschule Luzern beispielsweise sind es gegenwärtig gegen zwei Dutzend Jugendliche, die sich zum Glauben des Islam, des Buddhismus oder des Judentums bekennen. Vor diesem Hintergrund ist das Einüben von Respekt und Toleranz gegenüber anderen Religionen gerade in einer ganzheitlich ausgerichteten Gymnasialbildung unabdingbar geworden.
Diesem Umstand wurde 1995 denn auch mit einer zukunftsweisenden Neukonzeption des Religionsunterrichtes an den Luzerner Kantonsschulen Rechnung getragen 1 (vgl. nachfolgenden Beitrag von Hans Hirschi zur Situierung des Projektes). Insbesondere die Einführung des bekenntnisneutralen Faches «Religionskunde und Ethik» an der Oberstufe des Gymnasiums hat in den vergangenen Jahren neue Möglichkeiten geschaffen: Da das neue Schulfach für alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrer Konfession obligatorisch ist, bieten sich hier neue Möglichkeiten für ein interreligiöses Gespräch auch innerhalb der Schule.

«Projekt Weltethos» als Herausforderung für den Unterricht

Dass in diesem Zusammenhang eine Auseinandersetzung mit dem «Projekt Weltethos» eine willkommene Herausforderung für den Unterricht an der Mittelschule darstellt, liegt auf der Hand. Die vom Theologen Hans Küng neu ins Bewusstsein gerufene Erkenntnis, dass die Religionen der Welt bei all ihren verschiedenen Dogmensystemen und Weltbildern in elementaren Fragen des Ethos übereinstimmen, bildet eine ideale Ausgangslage für eine vertiefte Auseinandersetzung und Diskussion mit Gymnasiastinnen und Gymnasiasten.

Das vorliegende Unterrichtsprojekt, das im Folgenden näher erläutert werden soll, wurde in eben diesen Zusammenhang gestellt: Vier Klassen des Obergymnasiums (5. und 6. Klasse) der Kantonsschule Luzern waren in diesen Versuch einbezogen, wobei in den einzelnen Klassen unterschiedliche Arbeitsformen und Unterrichtsmethoden erprobt wurden. Wegleitend für das Projekt war der Grundsatz, dass die theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema eng mit einer praxis- und erfahrungsorientierten Arbeitsmethode verknüpft werden sollte, weil rein theoretisches Wissen ohne persönliche Erfahrung erwiesenermassen selten zu konkreten Einstellungs- und Verhaltensänderungen führt. Durch den Entscheid, die Auseinandersetzung mit dem Thema «Religionen und Weltethos» in Form eines Audio- und Videoprojektes durchzuführen, waren die Schülerinnen und Schüler gleichzeitig auf sehr unterschiedlichen Ebenen herausgefordert: Sachkompetenz war bei der Umsetzung des Projektes ebenso gefragt wie die Fähigkeit der selbständigen Arbeitsorganisation sowie soziale Kompetenz bei den vielfältigen Entscheidungsprozessen innerhalb der Gruppe.
Gemessen am engen Zeitkorsett des Faches «Religionskunde und Ethik», für das lediglich eine Wochenstunde zur Verfügung steht, war die Projektidee zweifellos ehrgeizig. Von Anfang an war denn auch klar, dass einzelne Projektziele wohl nur ansatzweise umgesetzt werden können. Die breit angelegte Evaluation zum Abschluss des Projektes ergab indessen, dass ein überaus bereichernder und ganzheitlicher Lernprozess erreicht wurde, wie er im Rahmen des konventionellen Unterrichtes nur selten möglich ist.

Der vorliegende Schlussbericht soll einen Einblick ins Konzept des Schulversuchs geben. Nach einer grundsätzlichen Situierung des Projektes im schulischen Kontext werden zunächst Vorgeschichte, Konzept und Zielsetzungen des Audio-/Video-Projektes erläutert. Sodann folgt eine Umschreibung des Projektverlaufs mit seinen verschiedenen Phasen (Einführung – Informationsphase – Projektphase – Auswertungsphase) und einige Überlegungen zu Evaluation und zu weiterführenden Perspektiven dieses Schulversuchs. In zwei separaten Dokumentationen findet sich weiteres Anschauungsmaterial zum Projekt: Neben Ergänzungen zu den religionspädagogischen und methodischen Ausführungen des Schlussberichtes sind hier auch Projektdokumentationen enthalten, die von den Schülerinnen und Schülern zu einzelnen Dokumentarfilmen und Interviews zusammengestellt wurden.

An dieser Stelle möchte ich Hans Hirschi, Rektor des Obergymnasiums der Kantonsschule Luzern, meinen besonderen Dank aussprechen: Er war es, der mich zur Durchführung des Projektes ermutigt hat und auch bereit war, für den vorliegenden Schlussbericht als Aussenstehender eine Situierung des Projektes vorzunehmen (vgl. Punkt 2) und weiterführende Perspektiven zum Projekt (vgl. Punkt 5.2) zu formulieren. In der Evaluationsphase hat er mir zudem einige hilfreiche Rückmeldungen gegeben, die sicher bei einem weiteren Projekt dieser Art einfliessen werden.

Luzern, 14. Oktober 1999

Benno Bühlmann

 


1 Das «Luzerner Modell» des Religionsunterrichtes am Gymnasium wird in folgenden Publikationen näher umschrieben (vgl. Dokumentation 1):

Benno Bühlmann, Notwendige Orientierungshilfe im Dschungel religiöser Weltanschauungen – Religionskundlicher Unterricht in der Mittelschule: Das Luzerner Modell, in: Religionsunterricht in der öffentlichen Schule. Bestandesaufnahmen, Orientierungen, Entscheidungsgrundlagen, hrsg. von Helga Kohler-Spiegel und Adrian Loretan (erscheint im Frühjahr 2000)

Hans Hirschi, Religionskunde und Ethik: Das Luzerner Modell, in: Schweizer Schule 2/98, 11-20.

Jürgen Lott, Wie hast du's mit der Religion? Das neue Schulfach «Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde» (LER) und die Werteerziehung in der Schule, 1998, 111-114.